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About

Curriculum Vitea

Bernhard Jordi

1969 Geboren in Bern
1985 Abschluss der Sekundarschule
1989 Diplomierter Hochbauzeichner
1990 Praktikum in einer Schlosserei
Seit 1989 tätig als Skulpteur und E-Bassist
Seit 1995  Fährmann in Muri b. Bern

Lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern in Bern

 


Texte   –   English texts are below


 

Grandiose Fahrt

Vielleicht kommt man Bernhard Jordis Kunst, die die Materie zu einem Spiel mit sich selbst verleitet, auch nur im gegenseitigen Austausch auf die Spur – konkret: im Gespräch mit dem Künstler.

Statt des üblichen Schildes „Bitte nicht berühren“ müsste an Ihren Objekten eigentlich stehen: „Unbedingt berühren“ …

Bernhard Jordi: Ja, meine Skulpturen brauchen nicht nur das passive Auge des Betrachters, sondern seine aktive Hand, seine Energie! Die muss er meinem Werk zur Verfügung stellen. Ich ernenne ihn kurzerhand zum Motor meiner Maschinen. Er muss etwa eine Kurbel bedienen, um ein Gewicht hochzuhieven, muss gleichsam die Schwerkraft aktivieren, damit die Skulptur ihr eigentliches Wesen zeigt, nämlich die Bewegung. Und erst, wenn er eingegriffen hat, kann er die Skulptur auch als Ganzes begreifen.

Ihre „Eisenwerke“ sind also, zugespitzt formuliert, dem Betrachter auf Gedeih und Verderben ausgeliefert? Dann wären sie abhängig von seinem Goodwill. Ohne ihn können sie sich gar nicht verständlich machen.

Jordi: Stimmt. Doch es ist eine gegenseitige Abhängigkeit, Interpendenz, um es vornehmer auszudrücken. Gib mir deine Energie, damit ich dir meine geben kann. Und schon haben wir eine faire Beziehung. Es ist ein lustvolles Geben und Nehmen. Beide sind vernetzt miteinander, wie eben in einer lebendigen Welt alles mit allem vernetzt ist. Meine Kraft, den belebenden Impuls, bekomme ich in Form von Bewegung und Klang zurück. Und die Schau, die ausgelöst wird, besteht wiederum aus einem Spiel um gegenseitige Abhängigkeit. Indem ich die Skulptur aus ihrer Erstarrung erlöse, verrät sie mir einen Teil ihrer Geheimnisse. So schön kann Zusammenwirken sein.
Ein Effekt ist besonders faszinierend: der stets bedrohlich lauernde Stillstand …

Jordi: … der aber im letzten Moment abgewendet wird! Das soll nicht bloß Spannung erzeugen. Es geht mir auch um fundamentale Erkenntnisse: In der Abhängigkeit ist nichts selbstverständlich. Und der reine Kraftakt ist häufig kontraproduktiv. Das führt etwa die auspendelnde Kugel vor, die erst Energie verlieren muss, bevor sie weiterkommt. Sie muss loslassen können, um eine grandiose weitere Fahrt gewährt zu bekommen.

Die Verblüffung, dass und wie es plötzlich weiter geht, ist beabsichtigt, ähnlich wie beim Film von Fischli/Weiss „The Way Things Go“. Allerdings streben sie nach der Perfektion – es muss gelingen! Ich drücke mit meinen undurchschaubaren „Maschinen“ eher aus: Es könnte gelingen.

 Wie stehen Sie zur Interpretation, dass in Ihren Werken nicht nur Eisen geschmiedet wird, sondern gewissermassen auch eine Lebensphilosophie?

Jordi: Bewegung ist halt per se philosophisch, und Bewegung fasziniert mich. Ohne sie gibt es weder Weiterkommen noch Veränderung. Ob sie sich positiv oder negativ auswirken, wissen wir aber erst später. Bewegung ist riskant. Dummerweise ist auch die Stagnation gefährlich. Was also sollen wir tun? Das Neue wagen, auch wenn es vielleicht nicht besser wird? Sicher ist nur, dass wir lebendige Momente nicht konservieren können. Im Grunde sehnen wir uns nach einer Balance zwischen Bewahren und Aufbrechen.

Manchmal zwingen uns plötzliche Ereignisse, etwa ein Notfall, zum Handeln. Oder wir sind gar auf Hilfe angewiesen. Niemand lebt autark. Bei einigen Ihrer Werke kommt die eine Kugel unerwartet der anderen zu Hilfe.

Jordi: Gegenseitige Abhängigkeit ist eben sowohl Gefahr wie Chance. Besonders heikel wird es bei ungleichen Machtverhältnissen – gross gegen klein. Genau davon erzählt das Wechselspiel der grossen und kleinen Kugeln. Und ich zeige, dass beide aufeinander angewiesen sind. So befreit manchmal auch die kleine, schwache Kugel die grosse, starke aus der Blockade. Der Mächtige tut also gut daran, den Schwachen immer ernst zunehmen…

Ihre »Eisenwerke« wirken hochkomplex und undurchschaubar – man fragt sich schon, wie Sie diese zum Funktionieren bringen können.

Jordi: Ich erlebe den Prozess der Entstehung als sehr spannungsvoll. Ich liebe ihn, kann ihn aber auch verfluchen. Zweifel und Hader können überhandnehmen. Ob die Skulptur am Ende kinetisch funktionieren wird, dafür gibt es keine Gewähr. Dann allerdings… Heureka! Gerade weil mich die ungeheure Spannung zwischen Scheitern oder Gelingen so lange begleitet hat, ist die Freude, wenn es denn gelingt, berauschend. Ich hoffe, dass ich diesen Glücksmoment meinen Werken als guten Geist mitgeben kann…

Sie sind Schweizer – aus der Nation der Uhrmacher. Da ist es wohl kein Zufall, dass Sie solche komplizierten Mechanismen austüfteln.

Jordi: Sie meinen, ich sei vom Pass her dazu verdammt … ? Natürlicher erinnern etwa der Aufziehmechanismus und das langsame absinkende Gewicht an Uhrwerke. Doch wirklich schweizerisch ist wohl, dass meine Werke das demokratische Miteinander zelebrieren. Fantastisch, wenn es funktioniert, und falls nicht: Niemals aufgeben. Weiter probieren, schweissen und biegen…

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Lass die Konstruktionen rasen

Bernhard Jordi muss ein  heiterer Mensch sein –  wie sonst könnte er diese schelmischen Werke erschaffen!
Durch atemberaubende Kurven und unerwarteten Verzweigungen, vorbei an heimtückischen Fallen, klackern, rappeln und scheppern seine Kugeln  – bis plötzlich ein Lift oder eine  Schleuder sie raffiniert in höhere Umlaufbahnen bringt …
Seine eisernen labyrinthischen Schlaufen  sind eben nicht bloss Spiel um ihrer selbst willen – sie sind auch eine sublime Verführung des Betrachters zum Spiel.
Schwer, sich von der Poesie und der filigranen Eleganz dieser  so zweckfreien Maschinen nicht faszinieren zu lassen.

Im Vordergrund steht freilich das künstlerische Spiel mit den strengen Bewegungs- und Massegesetzen von Newton und Archimedes. Zum Einsatz kommt mit Vorzug die Gravitation – seltsamste Kraft des Universums –, aber auch Uhrwerke und manuelle Antriebe werden bemüht (während man elektrische Motoren wie bei Tinguely vergebens sucht). Die Werke werden gestartet und laufen dann mal rasant mehrgleisig, mal aufreizend langsam bis zum natürlichen Versiegen der Kraftquelle, wobei erratische und monotone Bewegungsabläufe mit allen möglichen Versatzstücken industrieller Ästhetik um unsere Aufmerksamkeit wetteifern: Man sieht inmitten der Schweisspunkte zweckentfremdete Bohrmaschinen, monströse Federn und Gegengewichte, komplizierte Flaschenzüge, gelegentlich auch raschelnde Erstehilfefolie und einen rülpsenden Plastiktrichter. Wer da kalt bleibt, hat kein Herz. Oder zumindest keinen Humor, was das gleiche ist.

Aber das Heitere, das vieler kinetischer Kunst so eigen ist, beschreibt Bernhard Jordis Werk nicht abschliessend. Es geht hinter der Mechanik um das Menschliche – denn der Mensch fängt an, wo der Zweck aufhört, so Schiller sinngemäss in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung“. Erst dann, jenseits von Bestimmung und Pflicht, wird er frei. Und tatsächlich liegt in den Jordischen Sinnfrei-Maschinen etwas Meditatives, jener Schillersche „Zustand Null“, von dem aus man zur Freiheit des Geistes kommt.

Man muss indes gar nicht so weit suchen, schon die reine Präsenz dieser liebevoll ertüftelten, meisterlich geschmiedeten und leicht wahnsinnigen Nonsense-Geräte kontrastiert unsere glattgestylte Welt der iPhones, Teslas und Magnetresonanzscanner aufs Schönste. Postmodern ist das nicht, dazu ist die Ironie zuwenig überheblich. Aber diese freundliche Variante von künstlerisch-absurder Verfremdung der Wirklichkeit steht mir eh näher. Frei nach Morgenstern: „Lass die Konstruktionen rasen, heilig halte die Ekstasen!“

Michael Wolf von Babo
Galleria Wolf Ascona

 

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Die KunstStücke des Eisenplastikers Bernhard Jordi

Gute Kunst bewegt. Bernhard Jordi hat das wohl – mit gewissem Schalk – wörtlich genommen. Seine KunstStücke verführen den Betrachter unweigerlich zu einer Bewegung. Seine Objekte enthüllen ihr wahres Wesen nämlich erst, wenn der Betrachter gleichsam handgreiflich wird. Darin liegt eine sinnige Ironie: Erst wenn er eingreift, begreift er dieses Werk …

Unter den Eisenplastikern ist Bernhard Jordi der Harlekin und der Magier. Seine Kunst erheitert, verblüfft und verzaubert. Und er ist der verspielte Kinetiker. Augenzwinkernd befreit er Flieh- und Schwerkräfte aus ihrer physikalischen Enge. Sie müssen für einmal nicht funktionieren, sie dürfen …

Das verrät LebensKunst. Dieser Künstler will – horribile dictu – erfreuen. Man darf vermuten, dass er seine Kunst nicht macht, um das Leben zu bewältigen, sondern um es zu feiern. Was sich bewegt, gewinnt Lebendigkeit. Wer sich bewegt, lebt leichter und kommt weiter. Begreift mehr und wird mutiger.
Vielleicht ist das Jordis besondere Kunst: Dass seine Objekte ihren Sinn und ihre Botschaft nicht verkünden, sondern vorführen und vortanzen. Man muss die „message“ nicht verstehen, es genügt, sie zu bestaunen.

Dabei sind seine Werke von grosser Kunstfertigkeit. Die Konstruktionen sind so raffiniert, dass man sie nicht sogleich durchschaut. Dass diese EisenWerke überhaupt funktionieren … Stets bleibt ein Quäntchen Geheimnis. Scheint nichts mehr zu gehen, geht es doch noch weiter. Der Kugel etwa, die ihre kinetische Energie längst verspielt hat, gelingt plötzlich eine letzte grandiose Fahrt. Für mich sind gerade diese letzten, unverhofften Bewegungen die bewegendsten in Jordis EisenBahnen.

Jeder hat mit jedem zu tun. Alles ist mit allem vernetzt. Vornehmer heisst das: Interdependenz. Bernhard Jordis EisenSpiele sind diesbezüglich SchelmenStreiche.
Sie führen nämlich gegenseitige Abhängigkeit als lustvolles Geben und Nehmen vor.
Den belebenden Inpuls, den ich dem Werk schenke, verdankt es mir frank und frei mit seinem SchauSpiel. Schon haben wir eine faire Beziehung. Und seine Schau besteht wiederum aus einem Spiel um gegenseitige Abhängigkeit. Ich gebe dir meine Energie, du gibst mir deine. Ich befreie dich aus deiner Erstarrung, wenn du mich von meiner Blockade erlöst. Dem Betrachter kommt dies alles wundersam gerecht vor. So schön kann Zusammenleben sein. Wenn das nicht angewandte LebensWeisheit ist …

Dabei ist Bernhard Jordis EisenKunst leichthändig und filigran geschmiedet. Ästhetisch besticht sie im Stillstand genauso. Nun erkennt man auch Jordis kunsthandwerkliche Könnerschaft .. und seine souveräne Geduld! Dieser Künstler ist auch ein Erfinder und Tüftler. Man stellt sich zeitlose Tage und Nächte vor – bis er Dynamik und Balance austariert hatte, bis also seine Kunst sich selbst und den Betrachter bewegte …

Andreas Sommer, Autor

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A terrific further ride

 

Perhaps one gets to understand Bernhard Jordi’s art, which leads the material to a game with itself, through a mutual exchange – to be more specific: a conversation with the artist.

Instead of the usual sign ‘Please do not touch’ your objects would have to be labelled with: ‘Touching essential’…

Bernhard Jordi: Yes, my sculptures don’t only need the passive eye of the beholder, but his active hand, his energy! This has to be provided for my work. I appoint the spectator to be the engine of my machines. For example a crank has to be used for the weight to be lifted, as it were, to activate the gravitational force, so that the sculpture shows its real nature, namely the movement. Only when the viewer has intervened can the sculpture be understood as a whole.

Your ‘ironworks’ are, therefore, put into words pointedly, at the mercy of the viewer? In that case they would be dependent on his goodwill. Without him, they could not make themselves understood at all.

Jordi: Right. But it is a mutual dependency, an ‘interdependency’, to express it more nobly. Give me your energy so I can give you mine. And we already have a fair relationship. It is an exciting giving and taking. Both are interwoven, just as in the real world everything is networked with everything. My power, the invigorating impulse, I get back in the form of movement and sound. And the show that is triggered, in turn, consists of a game of interdependence. By releasing the sculpture from its solidification, a part of its secrets is betrayed. Collaboration can be so beautiful.

An effect is particularly fascinating: the ever threatening lingering standstill…

Jordi: … which is averted at the last moment! This is not just to generate tension. I am also concerned with fundamental knowledge: in the dependence nothing is self-evident. And the pure act of force is often counterproductive. This leads, for example, to the balancing of the iron ball, in which it has to first lose energy before it progresses. It has to be able to let go to be granted a terrific further ride.

The astonishment that it suddenly goes on is intended, similar to the film by Fischli / Weiss ’The Way Things Go’. However, they strive for perfection – it has to succeed! My ‘machines’ rather reveal: it could work…

How do you interpret the fact that not only iron is being forged in your works, but also, to a certain extent, a philosophy of life?

Jordi: Movement is philosophical per se, and movement fascinates me. Without it, there is neither progress nor change. Whether it has a positive or negative effect, we will only know later. Movement is risky. Stagnation is also dangerous. So what shall we do? Dare the new, even if it does not get better? What is certain is that we cannot preserve vital moments. Basically, we long for a balance between preservation and breaking up.

Sometimes sudden events, such as an emergency, force us to act. Or we are even dependent on help. Nobody lives self-sufficiently. In some of your works, the one ball unexpectedly comes to the aid of others.

Jordi: Mutual dependency is both danger and opportunity. It becomes particularly delicate when the power conditions are unequal – large against small. This is exactly what the interplay of big and small iron balls tells us. And I show that both are dependent on each other. So sometimes the small, weak ball frees the big, strong one from a blockade. The mighty is therefore urged to take the weak one seriously …

Your ‘iron works’ are highly complex and inscrutable – one wonders how you can make them work.

Jordi: I experience the process of development as a very exciting one. I love it but can also curse it. Doubt and discord can take over. Whether or not the sculpture will ultimately be kinetic, there is no guarantee. But then … Eureka! Precisely because the tremendous tension between failure and success has accompanied me for such a long time, the joy, if I succeed, is intoxicating. I hope I can give this moment of happiness onto my works as a good spirit…

You are Swiss – from the nation of watchmakers. It is no coincidence that you are working out such complicated mechanisms.

Jordi: You mean I’m damned because of the passport…? The wind-up mechanism and the slow-sinking weight of clock movements are, for instance, more reminiscent. But it is really Swiss, which means that my works celebrate democratic coexistence. It’s fantastic when it works and if not: Never give up. Continue to try, welding and bending…

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Let the constructions race

Bernhard Jordi must be a cheerful person – how else could he create these mischievous pieces of work! Through breath-taking curves and unexpected diversions, past treacherous traps, the balls clanking, clattering and rattling – until suddenly a lift or a sling brings them cleverly into higher orbits … His iron labyrinthine loops are not merely a playful game for their own sake – they are also a sublime seduction of the spectator to the play itself. It is hard not to be fascinated by the poetry and the filigree elegance of these purpose-free machines.

In the foreground stands, of course, the artistic play with the strict laws of motion and mass (Archimedes and Newton). The gravitation – the strangest force of the universe – is preferred, but clocks and manual drives are also tried out (as you are looking in vain for electric motors like with Tinguely). The works are started and then run at times rapidly multi-tracked, sometimes provocatively slowly to the natural extinction of the power source, whereby erratic and monotonous movements with all possible shifts of industrial aesthetics vie for our attention: In the midst of the welding points, we see drifting machines, monstrous springs and counterweights, complicated pulley blocks, occasionally also a rustling first aid film, and a burping plastic funnel. If you stay unmoved, you lack heart. Or at least humour, which is the same.

But Bernhard Jordi’s work does not conclusively describe the simplicity that is so characteristic of kinetic art. Behind the mechanics it is about the human- for man begins where the purposes ceases, states Schiller, according to his ‘letters on aesthetic education.’ Only then, beyond destiny and duty, will man become free. And indeed, in the Jordian sense-free machines, there is something meditative, that of Schiller’s ‘state zero,’ from which one comes to the freedom of the mind.

You do not have to look that far, the pure presence of these lovingly, masterfully forged and slightly insane nonsense devices, beautifully contrast our smoothly styled world of the iPhones, Teslas and magnet resonance scanners. This is not Postmodern, the irony is not arrogant enough. I have always favoured this friendly variant of artistic-absurd alienation from reality. Morgenstern quoted freely: „Let the constructions race, sacredly behold ecstasy!“

 

Michael Wolf von Babo
Galleria Wolf, Ascona (CH)

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